Wolf P. Fehlhammer, September 2005

 

Der am 29. November 2003 im Deutschen Museum in München gegründete, eingetragene Verein ecsite-d versteht sich als deutschsprachige Tochter der 1989 ins Leben gerufenen europäischen Wissenschaftsmuseums- und Science Center-Organisation ecsite mit Sitz in Brüssel. Zweck des neu gegründeten Vereins ist laut §2 seiner Satzung die Förderung von ecsite und dessen Zielen sowie weiterer Ziele, die sich aus den nationalen (regionalen) Eigenheiten, Interessen und Bedürfnissen ergeben.

Mitglied von ecsite-d kann werden, wer bereits Mitglied von ecsite ist, oder gleiche Ziele wie ecsite-d verfolgt und beitritt.

 

Warum ecsite-d?

Angesichts der deutschen Bildungsmisere in Schule und Hochschule, die sich besonders deprimierend an den TIMSS- und Pisa-Ergebnissen der letzten Jahre, aber auch an den alarmierend geringen Studentenzahlen in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern festmachen lässt, sollten sich die informellen (außerschulischen) Lernorte aufgerufen fühlen, ihre Anstrengungen zur Wissenschaftspopularisierung zu verstärken.

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen hauptsächlich aus angelsächsischen Ländern beweist, dass in solchen Einrichtungen – und das sind die Wissenschaftsmuseen im weitesten Sinne (von denen es in der Bundesrepublik laut Statistik des Berliner Museumskundeinstituts rund 1000 gibt) – tatsächlich „Lernen“ stattfindet, und zwar ein selbstbestimmtes, vergnügliches Lernen an und mit Dingen, das das „angeordnete Lernen“ in der Schule [mit den „Schatten der Dinge“ (G. Kerschensteiner)] aufs glücklichste ergänzt. Die Beinahe-Korrelierbarkeit des schulischen „ranking“ mit der Wissenschaftsmuseums- und Science Center-Dichte in den einzelnen Ländern überrascht daher nicht.

ecsite-d will zumindest zweierlei:

- einmal die Mitgliederinstitutionen motivieren, in ihren Häusern mehr und bessere (wie es heute heißt) „free choice learning“-Angebote zu machen und sie dabei unterstützend beraten. Ziel ist eine höhere Besucherattraktivität bis totale Unentbehrlichkeit in den jeweiligen Kommunen.

- zum anderen eine starke Öffentlichkeitsarbeit (lobbying) „mit einer Stimme“ betreiben, um das weitgehend brachliegende, aber aktivierbare Potential der Wissenschaftsmuseen und Science Center für diese gesamtgesellschaftlich überaus wichtige Aufgabe ins Bewusstsein der Bildungspolitiker, der Medien und sonstiger Entscheidungsträger zu bringen.

Denn: „Bildungspolitik findet auf nationaler Ebene statt“ (Gerhard Kilger).

Ich habe deshalb mehrfach in Vorträgen und Artikeln plakativ und provozierend von ecsite-d als „Problemlöser“ gesprochen.

Dazu sind zwei ergänzende Anmerkungen zu machen:

a) Das angesprochene bildungspolitische Engagement bedeutet nicht nur eine optimale Erfüllung des Bildungsauftrags, sondern auch die Chance, aus dem einzigen Topf, der in Zukunft noch Zuwächse verzeichnen dürfte, Mittel zu erhalten, d.h. die eigene Existenz zu sichern.

b) Selbstverständlich bleiben ecsite-d und seine Mitgliedsmuseen daneben denselben ethischen Zielen verpflichtet wie die anderen Organisationen und Museen auch, also dem Sammeln und Bewahren von Kulturgut (soweit es sich um Sammlungsmuseen handelt), der Dokumentation und Forschung sowie wissenschaftlich begleiteten bis anspruchsvollen Ausstellungen.

 

Warum die enge Anbindung an ecsite?

ecsite agiert seit gut zehn Jahren höchst erfolgreich auf europäischem Parkett. Dies ist einmal an der Zahl und der Qualität der unter seinem Dach beantragten und bewilligten europäischen Projekte ablesbar; zum anderen hat sich ecsite generell als Ansprechpartner und Berater der Europäischen Kommission in Sachen „public understanding of science“ einen Namen gemacht. Vor allem aber erfreuen sich seine Mitgliederinstitutionen in vielen Ländern eines begeisterten Zuspruchs seitens der Bevölkerung, insbesondere der Jugend und junger Familien. Von einem solchen Image bei den heimischen Wissenschafts- und Bildungspolitikern, aber auch den Medien, und einer solchen Besucherresonanz kann die (unterentwickelte) bundesdeutsche Wissenschaftsmuseums- und Science Center-Szene dagegen nur träumen.

Hier gleichzuziehen und womöglich noch besser zu werden, ist unsere nationale (Haus- und Haupt-)Aufgabe; das pan-europäische ecsite kann und wird diese nicht für uns übernehmen. Ihm stehen dafür weder die Strukturen zur Verfügung, noch könnte es die kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Region berücksichtigen – eine absolute Notwendigkeit!

 

Kann diese Aufgabe nicht von bereits existierenden Organisationen – zum Beispiel dem Deutschen Museumsbund mit seiner Fachgruppe „Technikmuseen“ oder ICOM-Deutschland – übernommen werden?

Die Antwort ist klar: „nein!“. In der Vorstandssitzung von ecsite-d am 25.10.2004 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte wurden folgende Alleinstellungsmerkmale von ecsite-d herausgearbeitet:

- ecsite-d ist trotz seiner nationalen Aufgaben stark europa-orientiert; insbesondere pflegt es enge Kontakte zu Partnerinstitutionen in anderen Ländern und vermittelt diese an seine Mitglieder

- seine programmatische Leitlinie ist das „public understanding of science“

- wie ecsite integriert ecsite-d problemlos alle Arten von wissen(schaft)s-basierten Museen, also Technikmuseen, naturkundliche Museen, Industriedenkmäler usw., aber auch Science Center, botanische Gärten, Zoos, Autostädte und selbst Freizeitparks (mit wissenschaftlichen Ambitionen)

- ecsite-d propagiert und fördert die intensive Kooperation seiner Mitglieder mit dem formalen Bildungssystem (Schulen, Universitäten) und formuliert dazu Bildungsstandards/curricula

- den in ecsite-d zusammengeschlossenen Institutionen liegt vor allem die Weiterentwicklung des Mediums „Ausstellung“ samt der heute unabdingbaren Begleitveranstaltungen am Herzen. Ausstellungen müssen möglichst interaktiv, kontextuell und erlebnisorientiert sein, um das primäre Ziel, Interesse, ja Begeisterung für Wissenschaft und Technik zu wecken, zu erreichen. Darüber hinaus wird mit Kunstinstallationen und

-performances zu wissenschaftlichen Themen experimentiert, die einen unmittelbaren emotionalen Zugang ermöglichen. Dem dient z. B. auch die Erprobung innovativer Szenographien sowie neuer Formen von Wunderkammern.

 

Die nächsten Schritte

Erste und wichtigste Aufgabe ist, möglichst alle ecsite-Mitglieder im deutschsprachigen Raum dazu zu bewegen, ecsite-d beizutreten und dessen Ziele überzeugt zu vertreten.

Das ist vor allem ein Kommunikationsproblem. Um Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu vermeiden bzw. auszuräumen, kann nicht oft genug betont werden, dass ecsite-d nichts mit Deutschtümelei zu tun hat oder seine Mitglieder etwa europamüde geworden wären: im Gegenteil! Die Idee ist vielmehr, durch landesspezifische politische Aktivitäten und mit Rücksicht auf die kulturellen Gegebenheiten – deshalb der gemeinsame Nenner ’Sprache’ – starke, prosperierende Untereinheiten zu schaffen, die die europäische Mutterorganisation, deren Namen sie ja tragen, weiter stabilisieren. Denn auch hier gilt das unternehmerische Motto „global denken – lokal agieren“.

Parallel dazu erfolgen

- die Werbung neuer Mitglieder, um die kritische Masse, d. h. hier politisches Gewicht, zu erreichen und Einnahmen zu generieren.

- Kontaktaufnahme, Gespräche sowie Erfahrungsaustausch mit den Partnerinstitutionen (ICOM, DMB, ..) mit dem Ziel, eine Vertrauensbasis herzustellen. ecsite-d ist kein Konkurrent, sondern übernimmt bisher nicht abgedeckte Aufgaben.

- alle Arten von Aktivitäten und Aktionen, um die nötige „visibility“ in der Öffentlichkeit und bei politischen Stellen zu erzielen: ecsite-d muss tatsächlich als Problemlöser gesehen werden!

Erfahrungsaustausch mit anderen ecsite-Untergruppen (ecsite-uk, ecsite-nl, ecsite-i…).

- Schaffung von Identifikationsmöglichkeiten mit ecsite-d durch eigene Projekte (z. B. ein erweitertes Italienprogramm mit „cento classi“ und „Impulsi“, vgl. dazu das Papier „ecsite-d – Aktivitäten 2005: Kooperationen mit Italien“) und Federführung/Mitwirkung bei der Ausrichtung von internationalen Konferenzen (z. B. dritter deutsch-französischer Dialog, Treffen von Museumsexperten 2007).

 

Zweifellos ist der Weg zum angestrebten starken Unterbau von ecsite im deutschsprachigen Raum mühsam und bedarf der idealistisch gesinnten Mitwirkung aller. Dass es gelingen kann, zeigt das Beispiel ecsite selbst, das von den Gründungsmitgliedern über Jahre hinweg alimentiert wurde. Auch das Deutsche Museum hat sich dort lange und stark engagiert und mit ecsite-d immerhin einen Anfang gemacht, den augenblicklich die DASA dankenswerterweise weiterführt. Natürlich sollte ecsite-d möglichst bald auf eigenen Füßen stehen.

Ich denke, das Ziel ist es wert, angegangen zu werden, die Zeit ist reif!

 

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